Benjamin Toff: „Für viele gehören Journalist:innen zur Elite“
Die Covid19-Pandemie, die Klimakrise, der russische Angriffskrieg: In den letzten Jahren war die Berichterstattung voller Negativschlagzeilen. Die Flut an Informationen kann uns überfordern oder Angst machen. Aus diesem Grund gibt es immer mehr Menschen, die Nachrichten vermeiden. Manche reduzieren ihren Nachrichtenkonsum; andere wenden sich ganz von ihnen ab. Sie lesen keine Online-Zeitung oder Print-Zeitung, schauen keine TV-Nachrichten, hören kein Radio. Wissenschaftler:innen nennen dieses Phänomen „Nachrichtenvermeidung“.
Der US-amerikanische Kommunikationswissenschaftler Benjamin Toff hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Er leitet das Journalismus-Institut der Universität Minnesota. In einer großen Studie haben er und seine Kolleg:innen untersucht, warum Menschen Nachrichten vermeiden. Die Ergebnisse haben sie in ihrem Buch „Avoiding the News: Reluctant Audiences for Journalism“ (auf Deutsch übersetzt: „Die Nachrichten vermeiden: Ein widerwilliges Publium für den Journalismus“) aufgeschrieben. So spiele unter anderem die Verknüpfung von Politik und Journalismus eine Rolle, wie Benjamin Toff im Interview mit Wissensnah verrät. Denn für einige Konsument:innen seien die beiden ein und dasselbe.
Wissensnah: Verstehen wir heute überhaupt noch dasselbe unter dem Begriff „Nachrichten“?
Benjamin Toff: Die Bedeutung des Begriffs ist sicher breiter geworden. Bei unserer Studie war es uns wichtig, den Teilnehmenden nicht unsere Definition vorzuschreiben, sondern sie nach ihrem Verständnis zu fragen. Die konsistenten Nachrichtenvermeider:innen machen sich darüber wohl wenig Gedanken: Sie konsumieren generell kaum Nachrichten, viele nutzen auch aus diesem Grund die Sozialen Medien nicht. Andere hören Podcasts oder Radio, in denen es hauptsächlich um Musik geht und nur ab und zu die Schlagzeilen präsentiert werden.
Wissensnah: In den USA gibt es seit Wochen einen Konflikt zwischen der „Associated Press“ (AP) und dem Weißen Haus, weil die angesehene Nachrichtenagentur nicht mehr zu Presse-Events zugelassen wird.
Benjamin Toff: Und dennoch vermischte einer unserer Befragten während unseres Interviews andauernd die Wörter „Politiker:innen“ und „Journalist:innen“. Uns ist aufgefallen, dass viele der Nachrichtenvermeider:innen die beiden Bereiche gleichsetzen. Weil sie mit der Politik unzufrieden sind, vermeiden sie auch die Nachrichten. Im Vereinigten Königreich gibt es tatsächlich eine Reihe prominenter Politiker:innen, die auch als Herausgeber:innen oder Kolumnist:innen tätig sind. Viele junge Wähler:innen nehmen den Journalismus nicht als unabhängige Kontrollinstanz war, sondern als Teil derselben elitären Gruppe, die eher einander dient als der Öffentlichkeit. Darüber hinaus wissen viele Menschen schlicht nicht, was Journalist:innen tun.

Hintergrundinformation: Associated Press gegen Weißes Haus
Der US-amerikanische Präsident Donald Trump benannte Anfang 2025 einen Teil des Golfs von Mexiko in „Gulf of America“ um. Die angesehene Nachrichtenagentur Associated Press (AP) verwendete weiterhin den alten Namen. Daraufhin verbannte das Weiße Haus AP von allen seinen Presse-Veranstaltungen. Das ist ein Problem, da ein unabhängiger Journalismus nur dort stattfinden kann, wo Reporter:innen freien Zugang zu wichtigen Informationen haben. Nur so können Journalist:innen über die Arbeit von Politiker:innen berichten und die Öffentlichkeit darüber informieren.
Wissensnah: Das heißt, viele Leute wissen nicht, welche Aufgaben der Beruf von Journalist:innen beinhaltet?
Benjamin Toff: Es fällt ihnen schwer, zwischen professionellem Journalismus und anderen Dingen, die nur wie Journalismus aussehen, zu unterscheiden. Im Internet gibt es Personen, die auf den Bildschirmen über Nachrichten sprechen, ohne je Informationen eingeholt und Fakten geprüft zu haben und die sich nicht an professionelle Standards, wie etwa Unparteilichkeit, halten. Deshalb werfen einige Konsument:innen alle diese Informationen – ob von Journalist:innen oder von Nicht-Journalist:innen – in einen Topf. In ihren Augen sind das alles nur Meinungen, und deshalb sind sie von geringem Wert.
Wissensnah: In Ihrem Buch schreiben Sie über diese Bauchgefühle, die Menschen über Medien haben.
Benjamin Toff: Die Leute gehen stark davon aus, dass Journalist:innen überwiegend durch eine Art von Agenda motiviert sind, sei sie nun kommerziell oder politisch. Diese Intuitionen sind tatsächlich nicht immer falsch, es gibt solche Negativbeispiele. Viele sind auch überzeugt, dass es keine Unterschiede zwischen verschiedenen Informationsquellen gibt. Und tatsächlich ist es heute aufgrund der Vielzahl an Quellen viel schwieriger, sich zu orientieren. Es ist verständlich, warum Menschen in einem Informationsumfeld skeptisch sind, in dem sie ständig mit Leuten konfrontiert sind, die sich als Expert:innen ausgeben, die aber ziemlich schlechte Ratschläge geben, egal ob es sich um Gesundheit oder Politik handelt. Die Konsument:innen haben gelernt, dass man misstrauisch sein muss, um sich in unserer heutigen Informationsumgebung zurechtzufinden. Wenn wir es den Menschen nicht leichter machen, zwischen glaubwürdigen und unzuverlässigen Quellen zu unterscheiden, dann kann man ihnen kaum vorwerfen, dass sie skeptisch sind.
Wenn wir es den Menschen nicht leichter machen, zwischen glaubwürdigen und unzuverlässigen Quellen zu unterscheiden, dann kann man ihnen kaum vorwerfen, dass sie skeptisch sind.
Benjamin Toff
Wissensnah: Sie haben die Daten für Ihre Studie vor der Covid19-Pandemie erhoben, richtig?
Benjamin Toff: Ja, wir haben die Erhebung genau im Jahr 2020 abgeschlossen. Das war also vor Covid19, aber auch vor dem Aufstieg der Video-Plattform TikTok und seiner Nachahmung durch andere Plattformen. TikTok hatte einen dramatischen und störenden Effekt auf Nachrichtenorganisationen. Viele Medienhäuser sehen einen Rückgang ihrer Nutzer:innenzahlen. Ein Grund dafür ist Nachrichtenvermeidung. Aber ein anderer großer Faktor sind die neuen digitalen Infrastrukturen, die Menschen nutzen, um auf Informationen zuzugreifen.

Benjamin Toff
Der Kommunikationswissenschaftler ist Assistenzprofessor für Journalismus und Massenkommunikation an der Universität Minnesota. Dort leitet er auch das Minnesota Journalism Center. Er befasst sich unter anderem mit dem Vertrauen in Medien, politischem Engagement und öffentlicher Meinung.
Wissensnah: Sie haben Menschen in Großbritannien, USA und Spanien zum Thema Nachrichtenvermeidung befragt. Gibt es kulturelle Unterschiede?
Benjamin Toff: Diese Länder unterscheiden sich eher in der Art, wie Leute Medienumgebungen wahrnehmen: Was fällt ihnen ein, wenn sie an Nachrichten oder Journalismus denken? Im Vereinigten Königreich spielen die „Tabloids“, also Boulevardblätter, eine wichtige Rolle. In den USA sind es eher die oft parteipolitisch gefärbten Nachrichten im Kabelfernsehen. In Spanien nannten die Befragten eher traditionelle Zeitungen.
Wissensnah: Bezüglich der Nachrichtenvermeidung sind sich diese Länder aber ähnlich?
Benjamin Toff: Ja, nur, dass es in den USA eine viel größere Gruppe am rechten Ende des politischen Spektrums gibt, die Mainstream-Nachrichten aus ideologischen Gründen vermeiden. Sie denken, die Berichterstattung sei zu links.

Mehr über die Studie
Von 2020-2023 leitete Benjamin Toff das große, internationale Forschungsprojekt „Trust in News“ (auf Deutsch „Vertrauen in Nachrichten“): Darin führten er und seine Kolleg:innen hunderte Interviews mit Menschen – unter anderem in den USA, im Vereinigten Königreich und in Spanien – durch. Außerdem erhoben sie viele Daten über den Konsum von Nachrichten. Unter diesem Link erfahrt ihr mehr über das Projekt.
Wissensnah: Kann es sein, dass die Medien teilweise auch zu arrogant sind und zu wenig auf die Bedürfnisse oder berechtigte Kritik der Konsument:innen eingehen?
Benjamin Toff: Ein großer Teil der Nachrichten wird für ein Publikum gemacht, das bereits stark politisch interessiert ist. Der Rest der Bevölkerung wird vernachlässigt. Ich kann es den Leuten also nicht verübeln, wenn sie das Gefühl haben, dass die Berichterstattung für ihr Leben keine Relevanz hat, weil sie für sie kaum zugänglich ist. Es ist leicht für Journalist:innen in eine defensive Haltung zu verfallen, ganz nach dem Motto: Wenn sie nur verstehen würden, was wir tun!
Wissensnah: Sind informierte Menschen automatisch auch bessere Bürger:innen?
Benjamin Toff: Es gibt Personen, deren Unwissen sie davon abhält, eine informierte Wahlentscheidung zu treffen oder anderweitig am politischen Leben teilzunehmen. Aber die Menge des Wissens ist trotzdem nicht unbedingt der richtige Maßstab, um zu beurteilen, ob jemand ein:e gute:r Bürger:in ist oder nicht.
Ich kann es den Leuten also verübeln, wenn sie das Gefühl haben, dass die Berichterstattung für ihr Leben keine Relevanz hat, weil sie für sie kaum zugänglich ist.
Benjamin Toff
Wissensnah: Um ehrlich zu sein, auch ich vermeide immer mal wieder Nachrichten, weil mir die negativen Berichte zu viel werden. Warum kommen uns die Nachrichten heutzutage besonders belastend vor?
Benjamin Toff: Ein Grund ist, dass uns gute Konsumgewohnheiten fehlen. Wir haben mit einer Gruppe von Nachrichten-Liebhaber:innen im Bundesstaat Iowa gesprochen. Sie haben auch gesagt, dass die Nachrichten unglaublich negativ sind, voller Untergangsstimmung. Aber sie hatten einige Vorteile: Sie hatten bestimmte Gewohnheiten des Nachrichtenkonsums, etwa lasen sie zu einer bestimmten Tageszeit die Zeitung oder hörten Radio. Heute fehlen uns solche Rituale, gerade wenn wir Online-Nachrichten lesen. Hat man eine feste Praxis des Nachrichtenkonsums, dann kann man den Informationen einen Sinn geben, ohne ständig das Gefühl zu haben, überhäuft zu werden.
Wissensnah: Was taten diese Nachrichten-Liebhaber:innen noch, um nicht von den Negativschlagzeilen überwältigt zu werden?
Benjamin Toff: Sie vertrauten einer oder mehreren bestimmten Nachrichtenquellen. Nachrichtenvermeider:innen glauben hingegen, sie müssen nach fünf verschiedenen Versionen einer Geschichte suchen, um die Fakten zu finden. Drittens hatten die Nachrichten-Liebhaber:innen eine Gemeinschaft anderer Menschen um sich, mit denen sie über Nachrichten sprachen. So deprimierend und negativ die Dinge auch sein mochten, sie hatten andere, mit denen sie sich darüber austauschen konnten, und schöpften gegenseitig Kraft. Sonst bekommt man nur das Negative von den Nachrichten, hat aber keinen sozialen Nutzen oder die Hoffnung, gemeinsam etwas gegen schlechte Entwicklungen unternehmen zu können.
Wissensnah: Rituale, Vertrauen in eine Handvoll Medien und Gemeinschaft – das wären also ihre Tipps gegen Nachrichtenvermeidung?
Benjamin Toff: Ja, und: Gönnen Sie sich eine Pause! Heute gibt es die unausgesprochene Norm, dass wir ständig all diese Information anschauen und lesen müssen. Nur weil das heute möglich ist, ist es aber keine Verpflichtung. Ich denke, es wäre für uns alle von Vorteil, wenn wir unsere eigenen Mediengewohnheiten ein wenig bewusster gestalten würden.

Über diese Recherche
Ich habe mit Benjamin Toff im April 2025 per Video-Call gesprochen. Dabei habe ich ihm alle Fragen gestellt, die mich interessiert haben. Benjamin Toff kannte diese Fragen vorab nicht. Er hat alle meine Fragen beantwortet. Das Interview habe ich aufgeschrieben, ohne dass Benjamin Toff es noch einmal gelesen hat. Als Vorbereitung auf das Interview habe ich die relevanten Kapitel seines Buchs sowie einige seiner wissenschaftlichen Studien gelesen. Hier findet ihr die Quellen, die ich für diese Recherche genutzt habe:
Buch „Avoiding the News: Reluctant Audiences for Journalism“
„Nachrichtenagentur AP dauerhaft aus dem Oval Office verbannt“, ZEIT online, 15. Februar 2025

