Welcher Typ von Nachrichtenvermeider:in seid ihr?
Morgens, direkt nach dem Aufwachen, scrolle ich durch meinen Instagram-Feed: Bonobos-Weibchen dominieren ihre Männchen, sagt mir @zdfheute. Mhm. Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth informierte seine Familie über geplante Luftangriffe im Jemen, erzählt mir @spiegelmagazin. Oh, Mann. Wird die Natur sich an uns rächen?, fragt mich @diepresse. Ich weiß es nicht. Ich wechsle zur App von Der Standard: Wien wählt, erfahre ich hier. In Kanada ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren, lese ich. Oh nein. Währenddessen erhalte ich eine Push-Up-Nachricht des US-amerikanischen Magazins The Atlantic: Der Tech-Milliardär Elon Musk begeistert neue Wähler:innen-Gruppen. Puh. Ich merke, ich bin erschöpft. Es reicht. Ich schalte mein Handy aus.
Viele Menschen verbringen ihren Morgen so ähnlich wie ich – mit Dutzenden von Nachrichten, die meisten davon sind deprimierend. Immer mehr entscheiden sich für ein Leben ohne durchgehende Informationsflut. „Nachrichtenvermeidung“ nennt sich dieses Verhalten. Forscherinnen der Universität Wien haben nun versucht, die verschiedenen Formen der Nachrichtenvermeidung sowie der Nachrichtenerschöpfung zu kategorisieren. Sie haben drei Typen von Menschen identifiziert, die unterschiedlich mit Nachrichten umgehen:

Bewusste Nachrichtenvermeider:innen
Manche Menschen vermeiden Nachrichten ganz bewusst. Sie konsumieren wenig Nachrichten und tun dies absichtlich. Diese Gruppe ist allerdings klein. Es handelt sich überdurchschnittlich häufig um Frauen, Menschen mit geringerem Interesse an sowie Vertrauen in die Politik.

Unbewusste Nachrichtenvermeider:innen
Außerdem gibt es Personen, die unbewusst wenig Nachrichten konsumieren. Im Durchschnitt hat diese Gruppe ein geringeres Einkommen und weniger das Gefühl, dass sie selbst politisch etwas ausrichten kann.

Erschöpfte Nachrichten-Junkies
Manche Menschen sagen, dass sie Nachrichten immer mal wieder vermeiden, aber tatsächlich sind sie eher „erschöpft“ von ihnen. Denn tatsächlich verfolgen sie die Berichterstattung durschnittlich bis überdurchschnittlich oft. Sie brauchen also immer wieder Pausen von der Berichterstattung, gerade weil sie solche „News Junkies“ sind. Das heißt, dass sie immer alle Nachrichten lesen wollen. Diese Gruppe ist im Schnitt jünger und empfindet die Nachrichten als übermäßig negativ.
Wichtig: Ähnlich wie bei den Ernährungsstilen vegetarisch, vegan oder „Alles-Esser:in“, sind diese Typen nur Verallgemeinerungen. Tatsächlich kann sich der Nachrichtenkonsum einer einzelnen Person je nach Lebensphase und politischer Lage stark verändern. Außerdem ist keine „aktive Nachrichtenvermeiderin“ wie die andere. Kategorien sind immer nur Vereinfachungen, die helfen sollen, in einer komplizierten Welt einen besseren Überblick zu bekommen.

Mehr über die Studie
Die Kommunikationswissenschaftlerin Dominika Betakova und ihre Kolleg:innen vom Institut für Publizistik der Universität Wien befragten über 1000 Teilnehmende in Österreich mittels Online-Umfrage.
Die Studie wurde im Februar 2024 veröffentlicht. Die ganze Studie könnt ihr unter diesem Link kostenlos nachlesen.
Der Digital News Report 2024 gibt genauere Einblicke, wie häufig einige Menschen in Österreich sich aktiv von den Nachrichten abwenden. 14 Prozent der Befragten sagen, sie vermeiden Nachrichten oft, 23 Prozent umgehen sie manchmal und über 30 Prozent geben an, sich gelegentlich von ihnen abzuwenden.
Digital News Report, Österreich, 2024
Ihr seid am Smartphone und seht die Grafik nicht? Dann dreht euer Handy um 90 Grad auf Querformat.
ERFAHRT MEHR: Klickt hier und schaut euch an, warum Menschen Nachrichten vermeiden.
Digital News Report, Österreich, 2022 (Leider erhebt das Team des Digital News Reports jedes Jahr etwas andere Daten. Aus dem Grund zeigt diese Grafik Antworten aus dem Jahr 2022).
Und wie ist das bei euch? Habt ihr auch – zumindest manchmal – genug von den Nachrichten? Wenn ja, welcher Typ passt dann am besten zu euch?

Mehr über diese Recherche
Für diesen Artikel habe ich die wissenschaftliche Studie von Dominika Betakova und die Daten über Nachrichtenvermeidung und Nachrichtenerschöpfung in den Digital News Reports für Österreich aus den Jahren 2022 und 2024 gelesen:
„I Do Not (Want To) Know! The Relationship Between Intentional News Avoidance and Low News Consumption“, Dominika Betakova, Hajo Bloomgarden, Sophie Lecheler, Svenja Schäfer, 2024, Mass Communication and Society

